Am 24.01.26 veranstaltete die „Bürgerinitiative Windkraft Günterstal” – der Hinweis “Gegen” oder “Anti” fehlt im Namen eine Antiwindkraftveranstaltung in der Mehrzweckhalle Günterstal.
Moderiert wurde diese von einer Freiburger Bürgerin, die bisher eher durch ihr Engagement gegen die Giftmülldeponie Stocamine bekannt ist und sich als Mitglied der Grünen, des NABU und der Bürgerinitiative in Günterstal vorstellte – wie das zusammengeht?
Vor der Mehrzweckhalle waren drei Infostände aufgebaut worden: Sebastian Müller machte sich über die Atomkraft Faible vieler Windkraftgegner:Innen in Günterstal lustig. Rechts des Halleingangs gab es einen Infostand der windkraftgegnerischen „Werteunion“ (mit gelbem Sonnenschirm). Dahinter war von einer studentischen Gruppierung ein Infotisch aufgebaut worden. Derzeit befragen Studierende der Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Personen zu Windkraft und deren Gegner.
Es gab zwei Referenten, auf deren Vorträge wir hier kurz eingehen möchten.

Goldscheider
Prof. Dr. Nico Goldscheider, tätig am KIT, referierte als erster Vortragender zu den – aus seiner Sicht schlimmen – potenziellen Auswirkungen auf Natur- und Wasserressourcen, Umwelt und Tourismus durch die um Günterstal herum geplanten Windkraftanlagen. Der Geohydrologe erwähnte, dass er seit 2015 unterstützend für Bürgerinitiativen gegen Windkraftanlagen aktiv sei.
Auf der Eingangsfolie hatte er groß sichtbar das Logo „KIT CampusTRANSFER“ platziert. Wir vermuten, aber seine Positionierungen gegen Windkraft sind nicht die der KIT-Tochtergesellschaft „KIT CampusTRANSFER GmbH“ bzw. des „Karlsruher Instituts für Technologie“ (KIT) selbst.
Hier im Artikel können wir nicht alle Aussagen der fahrenden Anti-Windkraft-Professoren die auftraten, einordnen, das würde unsere Kapazitäten sprengen.
Goldscheider wende sich nicht generell gegen Windkraftanlagen, aber dafür umso energischer gegen „den immer rücksichtsloseren Bau von Anlagen in Baden-Württemberg, wo der Natur- und Wasserschutz unter die Räder“ komme.
Das schon diese Aussage falsch ist, macht ein Vortrag der Bürgermeisterin Freiamt Hannelore Reinbold-Mench deutlich. Dort gibt es seit den 2000er Jahre Windenergieanlagen und bei den ersten waren die Genehmigungen “nach dem Baurecht”, daher etwa 30 Seiten dick und nicht wie heute mehrere Aktenordner.

PFAS
Goldschneider hatte die Freisetzung von Schadstoffen aus dem Abrieb der Rotoren angesprochen. Leider erfolgte wie immer keine Einordnung: Denn neben Windräder gibt es noch viele andere Quellen von PFAS oder Teflon. Etwa aus Millionen von Bratpfannen in deutschen Küchen und dem direkten Übergang in den Lebensmittelpfad.
Der kleinste und mobilste Vertreter aus der unheiligen PFAS-Familie ist Trifluoracetat (TFA)2. TFA steckt im Schauinslandmassiv in jeder Fichtennadel, in jedem Baumstamm, in jedem Grashalm und in jedem Menschen – und das weltweit; völlig egal, ob es sich um Windkraftbefürworter oder Gegner handelt. Die ubiquitäre Kontamination mit TFA ist völlig unabhängig von der Windkraftnutzung!
Die allgegenwärtige Belastung mit TFA resultiert aus TFA-haltigen Pestiziden und vor allem aus dem atmosphärischen UV- Abbau von teilfluorierten Kältemitteln aus Klimaanlagen (u.a. in Pkws) und aus Wärmepumpen der ersten und zweiten Generation.
Gemessen an der vollkommenen „Durchseuchung“ mit TFA spielt die PFAS-Freisetzung aus Windkraftanlagen-Rotoren eine völlig untergeordnete Rolle. Übrigens haben heute Wärmepumpen und Klimaanlagen dieses Kältemittel nicht mehr.

Mikroplastik
Auch Mikroplastik war wieder Thema.Tatsächlich ist es so, dass der Reifenabrieb alle anderen Quellen von Mikroplastik mit großem Abstand übertrifft! Und je kleiner die Partikel sind, desto mehr werden sie durch die verkehrsbedingten Luftturbulenzen in höhere Luftschichten transportiert.
Dass Reifenabrieb im Bereich der Straße verbleiben würde, ist eine durch nichts belegte Legende, die auch auf der Veranstaltung wieder vorgetragen wurde.
Soweit die Partikel nicht in die Atmosphäre gelangen, werden sie in die Straßenbegleitgräben geschwemmt – und von dort weiter in die nächstgelegenen Bäche.
Aus den Reifenabriebpartikeln werden gewässerschädigende Additive (UV-Stabilisatoren, Antioxidationsmittel usw.) gelöst. In den USA sind durch diesen Effekt die Silberlachse fast ausgestorben.
Es wäre interessant, wenn sie die Freisetzung von Reifenabrieb auf den Straßen hoch zum Schauinsland und nach Horben mit der Freisetzung von Schadstoffen durch die dort schon bestehenden bzw. geplanten Windkraftanlagen größenordnungsmäßig vergleichen könnte.
Öl-Verluste
Im Vortrag wurden mögliche Ölverluste aus den Maschinengondeln der Windräder thematisiert. Entsprechende Quellen sprechen von etwa 1.000 Liter für das Getriebe, plus bis zu 500 Liter für die Hydraulik. Zum Vergleich: Ein 40 Tonner LKW hat auch bis zu 1500 L im Tank.
Auch dürfte es durchaus denkbar sein, dass PKW, die auf dem Schauinsland fahren, aus irgendwelchen Gründen Öl oder Benzin verlieren.
Daneben steht seit 1930 auf dem Schauinsland eine großtechnische Anlage: Die Schauinslandbahn. Nicht nur an der Bergstation, sondern auch an den Seilrädern der Zwischenmasten haben früher die Schmierstoffe nur so getrieft.
Inzwischen ist das besser, gleichwohl müssen anlässlich der beiden Hauptrevisionen im Jahr die Schmierstoffe immer wieder aufgefüllt werden, weil sich Verluste an den offen liegenden Rädern nicht gänzlich vermeiden lassen. Im Gegensatz zu Windrädern sind die Räder und ihre Schmierstellen allen Witterungsunbillen ausgesetzt.

Wasserschutzgebiete
Immer wieder wird argumentiert, dass für die Zuwegung zu den neuen Windräder breitere Wege (wassergebundene Decke, nicht asphaltiert) gebaut werden.
Bereits heute ist der Schwarzwald von Straßen durchzogen. Die Straßen sind mit Bitumen asphaltiert und entwässern zu 100 Prozent über Seitengräben und/oder direkt in den Wald – samt aller abgas- und reifenbürtigen Schadstoffpartikel und samt aller „Kleckerlesverluste“ bei Öl und Treibstoffen sowie tensidhaltigen Scheibenwaschmitteln.
Das Unfallrisiko auf diesen Straßen ist ungleich größer als das Havarierisiko bei Windkraftanlagen – bis hin zum Brand von (verunglückten) Pkw und Lkw mitten in Waldarealen. Viele der Pkw- und Motorradfahrten auf den Straßen im Südschwarzwald dienen (vor allem an Wochenenden) allein dem Freizeitvergnügen.
Bei den breiten und dunkel asphaltierten Straßen sind die Verdunstung und der Aufwärmeffekt ungleich größer als bei den Zufahrtswegen zu den Windkraftanlagen. Insofern ist auch der von Ihnen beschworene „Austrocknungseffekt für den Wald“ bei den Straßen erheblich größer als bei den Windkraft-Zufahrtstrassen.

Bodenverdichtung
Soweit bei den Vorträgen die „Verdichtung des Bodens“ erwähnt wurde, wäre anzumerken, dass in der Vergangenheit an den forstwirtschaftlich genutzten Waldwegen mindestens alle 40 Meter Rückegassen angelegt worden sind – oft beidseitig wie in einem Fischgrätmuster.
Die dort arbeitenden Baumerntemaschinen (schwere Vollernter) hinterlassen in den Rückgassen bleibende Verdichtungen. Über die Radspuren in den Rückegassen läuft Niederschlagswasser auf schnellstem Weg in die Entwässerungsgräben längs der forstwirtschaftlich genutzten Trassen. Diese fast flächendeckenden Effekte im „Nutzwald“ sind gravierender als die Folgen der Verdichtung auf den wenigen Kranaufstellflächen und den Zuwegungen zu den Windenergie Anlagen.

Atomkraft
In einem Nachsatz erwähnte Goldscheider noch, dass er ehemals ein engagierter AKW-Gegner gewesen sei – heute sei er aber nach intensivem Nachdenken zum Ergebnis gekommen, dass der Ausstieg aus existierenden Anlagen ein Fehler gewesen sei. Etwa die Hälfte des Publikums bedachte diese Feststellung mit Beifall.
In der sich anschließenden Diskussion äußerte sich eine Skeptikerin des Zusammenhangs von CO2 und Klimawandel.
Goldscheider wandte sich daraufhin „gegen eine fanatische Fokussierung auf CO2“ – global gesehen sei es aber schon erforderlich, die CO2-Freisetzung runterzufahren. Dabei sei jedoch eine „gesunde Balance“zu wahren. Was natürlich quatsch ist, ohne massive Reduktion des Ausstoß von CO2 können wir dem Menschengemachten Klimawandel kaum Einhalt gebieten.

Heindl
Es ergriff sodann ein weiterer Atomkraftfreund das Wort, Prof. Heindl aus Furtwangen, der Thoriumreaktoren befürwortete. Auch diese sind kein zeitnah nutzbares Konzept zur Energieversorgung. Thorium-232 selbst ist nicht spaltbar, sondern „brutbar“. Es wandelt sich im Reaktorprozess in spaltbares Uran-233 um. Der einzige deutsche Thorium Kugelhaufen Reaktor wurde als Prototyp 1983 testweise in Betrieb genommen, 1987 an den Betreiber übergeben und im September 1989 aus technischen, sicherheitstechnischen und wirtschaftlichen Überlegungen nach nur 423 Tagen Volllastbetrieb endgültig stillgelegt. Inzwischen gibt es in China immerhin einen Kugelhaufen Reaktor, dessen Bau 2012 begann und der 2021 in Betrieb ging.
Für alle, die sich um Mikroplastik sorgen: “Im Graphit der Brennelemente ist der Brennstoff in Form von beschichteten Teilchen von weniger als 1 mm Durchmesser eingebettet. (…) 2011 wurden in der Umgebung des THTR Mikrokügelchen entdeckt, die teilweise den coated particles des THTR-300 ähneln.Ähnliche Mikrokügelchen spielen in der Diskussion um die Leukämiehäufung in der Elbmarsch eine Rolle. Auch wurden ähnliche Mikropartikel in der Nähe von Anlagen, welche in Hanau nukleare Brennstoffe herstellten, gefunden.” (wikipedia)
Wie schon zuvor Goldschneider kritisierte auch Heindl die Stilllegung „von gut und sicher laufenden“ AKWs.
Der Referent sprach sich für den Bau von sogenannten Small Medium Reaktors “SMR” mit geschmolzenem Thoriumsalz aus. In der 4. Generation von Reaktoren könne es keine Kernschmelze geben, eine Feuer- und Explosionsgefahr sei nicht gegeben und ein langlebiger Abfall würde nicht anfallen. Auch hier ist fraglich, ob es solche Reaktoren überhaupt derzeit im kommerziellen Betrieb gibt. Der entsprechende Wikipedia Artikel erwähnt einzelne Reaktoren in China im Testbetrieb.
Daneben entsteht je nach Reaktortyp auch waffenfähiges Uran bzw. wird für den Betrieb benötigt. Auch sonst sind die “kleinen Reaktoren” außerhalb von U-Booten und Flugzeugträgern nicht verbreitet. Entsprechende Firmen scheitern immer wieder beim Versuch, selbst Testreaktoren herzustellen, geschweige denn den Strom aus solchen zu einem kommerziell tragfähigen Preis zu verkaufen.
Klar ist natürlich immer, dass man solche Reaktoren nicht in der Nähe von Günterstal will.

Fazit
Die vorgeschlagenen Alternativen der von der Bürgerinitiative eingeladenen Experten, werden in ihrem eigenen Bericht von der Veranstaltung nicht erwähnt. Wahrscheinlich weil klar ist, die Alternative statt Windrädern Atomkraftwerke und zudem noch solche eines kommerziell nicht verfügbaren Typs mit erheblichen Risiken zu bauen, sich irgendwo zwischen unrealistischen und Phantastereien bewegt. Also genau das was sie den Windkraft Befürwortern immer wieder vorwerfen.
Windkraftgegner thematisieren hier – wie so häufig – Umweltprobleme anhand der Windkraft, die es in vielen Bereichen gibt und die anderswo gravierender und umfassender sind, dort aber nicht interessieren.
Wir sollten diese Thematisierung als Chance begreifen. Wer Windkraft wegen Lärm, PFAS und Mirkoplastik ablehnt, der kann nicht für den Autoverkehr im betreffenden Bereich sein. Konsequenterweise würde man also die größte Quelle, sprich PKWs in Günterstal zurückdrängen und müsste sich dann für einen autofreien Stadtteil einsetzen.